Die Lage wird angespannt – Interview mit Dr. Peter Heinz

Arztpraxen kämpfen mit steigenden Kosten und Personalmangel

von Ulrike Kühne

Die Lage wird angespannt
Interview mit Dr. Peter Heinz,
stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns

Ärzte: Das sind die mit den weißen Kitteln, den teuren Autos, der Mitgliedschaft im Golfclub und dem dicken Sparbuch. So sah das Klischee früher aus. Was ist heute noch davon übrig?

Ärztinnen und Ärzte, das ist kein Geheimnis, verdienen durchaus gutes Geld, wenn man den Angaben des statistischen Bundesamtes Glauben schenken darf. Hier sind aber zwei Punkte wichtig: Damit verbunden ist eine große Verantwortung: medizinisch, unternehmerisch und gesellschaftlich. Medizinisch besteht diese in der Behandlung der Patienten. Zudem wird jeder Unternehmenschef oder Handwerksmeister zustimmen, dass mit Verantwortung für ein eigenes Unternehmen auch ein höheres Gehalt verbunden ist, weil die Chefin oder der Chef auch das unternehmerische Risiko trägt. Dies ist zudem mit einer wöchentlichen Arbeitszeit zwischen 48 und 60 Stunden verbunden. Die gesellschaftliche Verantwortung liegt darin, dass 97 Prozent aller ärztlichen Behandlungsfälle in den Praxen stattfinden. Ohne diese wäre eine medizinische Versorgung schlicht unmöglich. Allerdings sind die Praxen auch von den hohen Inflationsraten der vergangenen Jahre betroffen, ohne dass dafür ein entsprechender Ausgleich geschaffen wurde. Deshalb stimmt dieses Klischee der 80er Jahre heutzutage bei weitem nicht mehr.

Wie beurteilen Sie die wirtschaftliche Lage der Praxen in Bayern?

Im deutschlandweiten Vergleich ist die Lage der bayerischen Praxen sicherlich noch gut. Langsam machen sich aber die deutlich zu geringen Finanzierungsabschlüsse auf Bundesebene auch in Bayern bemerkbar. Denn: Sowohl die Praxen als auch die Ärzte und unser medizinisches Fachpersonal spüren inzwischen die Folgen der jahrelangen Sparbemühungen im Gesundheitswesen – Stichwort fehlender Inflationsausgleich. Die wirtschaftliche Lage der Praxen wird zunehmend angespannter.

Welche Rolle spielen dabei Personalmangel und gestiegene Kosten für z.B. Energie und Miete?

Personalmangel und gestiegene Kosten merken wir in unseren Praxen massiv, insbesondere in Verbindung mit dem medizinisch-technischen Fortschritt. Wenn ein Arzt neue Geräte für die Praxis kauft, hat er nicht nur die Investition in das Gerät an sich zu schultern. Er muss auch seine Mitarbeiterinnen schulen. Die Kosten für die Weiterqualifikation werden meiner Meinung nach zu oft vernachlässigt. Hinsichtlich der Energie- und Mietkosten spüren die Praxen die gleichen Entwicklungen wie die Bevölkerung.

Die Bundesärztekammer hat dem Bundesgesundheitsministerium 2025 einen Entwurf zu einer novellierten Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ) übergeben, um endlich die veraltete Version von 1982 abzulösen.
Warum ist die neue GOÄ dringend notwendig?

Die Überarbeitung der GOÄ ist überfällig, eben weil die aktuell gültige seit Jahrzehnten nicht angefasst worden ist und damit den medizinisch-technischen Fortschritt völlig unzureichend widerspiegelt. Wie sich die Änderungen finanziell auswirken werden, dafür gibt es bisher allerdings nur Simulationsrechnungen. Daher sind Aussagen dazu sehr spekulativ. Ich muss aber auch betonen: Die Reform der GOÄ betrifft die KVB nicht direkt, weil über die KVB ja nur die Leistungen für die gesetzlich Versicherten abgerechnet werden und keine Leistungen für private Krankenkassen oder Selbstzahler. Durch die bestehende Quersubventionierung der Versorgung gesetzlich Versicherter über die Privatversicherten betrifft es allerdings das KV-System schon indirekt.

Die Klinikreform ist in aller Munde, von den Praxen hört man wenig. Welche Auswirkungen hat die Reform auf die niedergelassenen Praxen?
Stehen Kliniken und Praxen in Konkurrenz um Personal und Fördergelder?

Die Praxen stehen in der Tat in einem Wettbewerb, der aktuell ungleich ist. Die mit Milliarden subventionierten Kliniken werben unseren Praxen MFAs (Medizinische Fachangestellte) ab, die wir ausgebildet haben. Im Vergleich zu unseren Nachbarländern haben wir deutlich zu viele Klinikbetten und deutlich zu hohe Kosten im Krankenhausbereich. Der richtige Weg ist daher: Die Praxen erbringen in Zukunft Leistungen, etwa Operationen oder spezielle diagnostische Verfahren, die bisher stationär durchgeführt wurden, und zwar günstiger als die Kliniken. Alle unsere Nachbarländer zeigen: Die Patienten bekommen die gleiche Qualität, wenn bei der Vergütung faire und gleiche Bedingungen zwischen ambulant und stationär herrschen. Ein weiterer Vorteil: Die Patienten können früher wieder nach Hause. Der falsche Weg wäre: Kliniken jagen den Praxen dank weiterer staatlicher Milliardensubventionen Behandlungen und Operationen ab, nur damit auch das kleinste Krankenhaus sich irgendwie ein paar Jahre über Wasser hält. Das schwächt die Praxen und hilft dauerhaft auch keiner Klinik. So destabilisiert man unser Gesundheitssystem bei weiter explodierenden Kosten zunehmend.

Was müsste die Politik tun, um das Gesundheitssystem auf stabilere Beine zu stellen?

Kurzfristig würde es sicher helfen, wenn die Gesetzliche Krankenversicherung von versicherungsfremden Leistungen befreit würde. Langfristig müssen wir ehrlich sagen: Wir werden nicht umhinkommen, dass wir mehr Eigenverantwortung und auch mehr Eigenbeteiligung von den Versicherten verlangen müssen. Die demographische Entwicklung und der zunehmende medizinisch-technische Fortschritt werden uns leider keine Wahl lassen. Nicht alles, was medizinisch möglich ist, wird in Zukunft auch uneingeschränkt bezahlbar sein und die Bevölkerung muss wieder lernen schonend mit der Ressource „Gesundheitsversorgung“ umzugehen.

Was halten Sie von der zweigleisigen Lösung mit privaten und gesetzlichen Krankenkassen?

Diese Dualität ist seit Jahrzehnten gewachsen und hat sich durchaus bewährt. Viele Innovationen, von denen gesetzlich Versicherte profitieren, wurden zunächst im Bereich der privaten Krankenversicherung eingeführt. Zum Vorwurf der sogenannten Zwei-Klassen-Medizin: Mir ist kein Gesundheitswesen der Welt bekannt, in dem Patienten nicht mit Geld oder Zusatzversicherungen eine bevorzugte, ich sage bewusst nicht bessere, Behandlung erhalten können. Gerade in Deutschland bekommt jeder gesetzlich Versicherte, das ist meine feste Überzeugung, die für ihn medizinisch notwendige Behandlung. Was hier die GKV bezahlt, ist im Ausland mit teils horrenden Zusatzkosten verbunden. Der häufigste Grund für Privatinsolvenzen in den USA sind exorbitante Behandlungs- und Medikamentenkosten. Zudem haben wir in Deutschland die uneingeschränkte freie Arztwahl. Das ist im Ausland sehr oft komplett unbekannt. Wenn in Schweden die Disponenten der landesweiten Rufnummer 1177 oder die Pflegekräfte im örtlichen Gesundheitszentrum sagen, sie brauchen keinen Kinderarzttermin, dann kriegen sie auch keinen oder zahlen den selbst.

Bühne frei für die Fantasie: Wie sieht die Gesundheitsversorgung in Bayern Ihrer Schätzung nach im Jahr 2050 aus?

Ich würde mir ein sinnvoll und stabil funktionierendes sicheres digital vernetztes System mit Fachärzten, Hausärzten und Psychotherapeuten wünschen, in dem zudem die Praxen und die Kliniken schnell Zugriff auf die für die Behandlung notwendigen Befunde haben. Zudem wäre es schön, wenn es digitale Helfer gäbe, die Ärztinnen und Ärzte von überbordender Bürokratie und Dokumentationslasten befreien würden und wir uns wieder auf die Patienten konzentrieren könnten. Was oftmals vergessen wird: In der ambulanten Versorgung ist das Ende der Sprechstunde nicht das Ende des Arbeitstages. Nach der Sprechstunde erstellen die Ärztinnen und Ärzte Befunde, Dokumentationen und Arztbriefe und machen die Abrechnung und noch den ein oder anderen Hausbesuch. Erst dann endet der Arbeitstag.

 

 

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