Mittelstand trifft Wissenschaft

Profitieren von KI und Digitalisierung

von Gertraud Wittmann

Mittelstand trifft Wissenschaft

Welchen Mehrwert bringt der Einsatz von KI? Wie kann ein Unternehmen digitale Technologien in seine Prozesse einbinden? Wo liegen Chancen und Risiken? Diese Fragen treiben aktuell viele Firmen um. Mit fachkundiger Unterstützung, Förderung und passenden Partnern gelingt die digitale Transformation besser. Effiziente Prozesse und kompetente Mitarbeiter sind für Unternehmen genauso wichtig wie Neuentwicklungen und deren rasche Marktreife. Geschwindigkeit ist im technologischen Wettbewerb allzu oft eine Überlebensfrage. Digitalisierung und der Einsatz von künstlicher Intelligenz (KI) sind aktuelle Herausforderungen, die gleichzeitig helfen können, trotz Fachkräftemangel, steigenden Kosten und raschen Innovationszyklen wirtschaftlich zu bestehen. Laut einer Studie des Digitalverbandes Bitkom betrachteten 2025 über 90 Prozent der deutschen Unternehmen Big Data, KI und das Internet der Dinge (IoT) als wettbewerbsentscheidend. Dennoch haben 72 Prozent keine zentrale Strategie zur digitalen Transformation. Über die Hälfte haben Probleme, die Digitalisierung zu bewältigen. Doch für einen erfolgreichen Start in KI-Projekte können sich kleine und mittlere Unternehmen (KMU) gezielt Unterstützung und Förderung holen.

Kunde statt Partner: Venture Clienting

Etablierte Unternehmen verfügen über Erfahrung, besitzen eingeführte Produkte und kennen den Markt, doch oft fehlen der frische Blick und die Innovationsgeschwindigkeit kleiner Strukturen. Start-ups haben in der Regel genau das. Davon könnte der Mittelstand profitieren, doch nur 35 Prozent der Firmen nutzen das Wissen von Start-ups. Es mangelt an Kontakten, Zeit und Ressourcen, auch die Unternehmenskulturen divergieren. Neben den Klassikern der Zusammenarbeit – Kooperation, Beteiligung oder Pilotprojekt – kann Venture Clienting ein Weg sein. Dabei wird ein Unternehmen weder Partner noch Investor, sondern der erste Kunde. Es kauft die technologische Lösung, das Produkt oder die Dienstleistung eines Start-ups – und nicht dessen Anteile. Das ist skalierbar und gelingt ohne komplexe Verfahren und Strukturen. Das KMU nutzt gezielt die Technologie, das Startup steigert seine Einnahmen, kann die Lösung weiter an den Markt anpassen und als Referenz nutzen.

Knoten im Netz

Damit regionale Unternehmen gezielt zum Thema Digitalisierung, KI und digitale Transformation zusammenfinden, bieten die Wirtschaftsförderungen der Städte und Regionen ebenso wie deutsche und bayerische Institutionen Unterstützung und Förderung. Ein komplexes Netzwerk in Bayern verbindet Wissenschaft, Vorreiter und Anwender und stärkt die regionale Wirtschaft. Das WirtschaftsMagazin stellt Anlaufstellen für KMU und Gründer vor.

  1. BAIOSPHERE ist das bayerische Netzwerk für Forschung, Entwicklung und Anwendung von KI, ein KI-Ökosystem aus renommierten Hochschulen, Forschungseinrichtungen, Unternehmen und Start-ups. Koordiniert wird das Netzwerk von der BAIOSPHERE AGENCY/Bayerischen KI-Agentur im Auftrag der Bayerischen Staatsregierung. Der BAIOSPHERE KI-Kompass bietet Firmen Orientierung bei der Implementierung von KI in Prozessen und Produkten. Er vermittelt ein Basiswissen zu zehn Fokusthemen und liefert mit Vorlagen und White Papers eine Art Werkzeugkoffer. Namhafte Paten und mitwirkende Institutionen sind u.a. die IHK München und Oberbayern, das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), die Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) sowie zwei Institute der Fraunhofer-Gesellschaft. – www.baiosphere.org
  2. Die Digitale Gründerinitiative Oberpfalz (DGO) ist ein Projekt der TechBase Regensburg mit der OTH Amberg- Weiden. Gründer zu qualifizieren, ihre Projekte zu fördern, sie branchenübergreifend mit Unternehmen zu vernetzen ist ebenso das Ziel wie Innovationspotenzial zu identifizieren. Gründer im Bereich technologieorientierte Digitalisierung profitieren von Büroflächen, Veranstaltungen und Coachings, von Gleichgesinnten und darüber hinaus von Mentoren aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik. – www.digitale-oberpfalz.de
  3. DInO – Digital Innovation Ostbayern ist ein European Digital Innovation Hub (EDIH) mit vier zentralen Säulen: Test-before-Invest, Beratung und Schulung, Fördermittel und Netzwerke sowie Innovationsökosystem und Vernetzung. Als Träger kooperieren die Technische Hochschule Deggendorf (THD), die OTH Regensburg, die Digitale Gründerinitiative Oberpfalz, das Cluster Mobility & Logistics und die Bayerische KI-Agentur. Testumgebungen der Hochschulen und spezialisierte Technologien stehen für Projektpartner zur Verfügung. DInO hilft bei Fördermittelanträgen sowie bei der Suche nach Partnern und Märkten. – www.edih-dino.de
  4. Regionales Zukunftszentrum Süd – Das Projekt unterstützt branchenübergreifend KMU in Bayern und Baden- Württemberg u.a. durch Berater an der TH Deggendorf, des Forschungsinstituts Betriebliche Bildung und des Bildungswerks der Bayerischen Wirtschaft. Unternehmen werden kostenfrei mit Beratungen, Analysen sowie Qualifizierungen im Bereich Digitalisierung, künstliche Intelligenz (KI) und Nachhaltigkeit begleitet. Ziel der Unterstützung kann beispielsweise das papierlose Büro sein oder eine eigene KI zur Automatisierung von Arbeitsschritten. – www.zukunftszentrum-sued.de
  5. TechHubs in Bayern – Netzwerke der Digitalisierung Im de:hub treffen Gründungsideen auf das Know-how etablierter Unternehmen und wissenschaftliche Forschung. Die Initiative fördert innovative digitale Geschäftsmodelle in Deutschland. Vier der 25 Hubs befinden sich in Bayern. In München sitzen der Insur-Tech Hub der Versicherungswirtschaft, der Mobility Hub sowie der Security & Defense Hub, in Nürnberg/Erlangen fördert der Health Hub junge Talente. – www.de-hub.de

KI und Digitalisierung in der Praxis

Drei Beispiele zeigen, wie bayerische Unternehmen sich ganz konkret Hilfe für die digitale Transformation gesucht haben.

Fördermittel für Software-Innovationen

Die Synnotech AG aus Regensburg steht seit 25 Jahren für individuelle Softwarelösungen, smarte Datenarchitektur und digitale Transformation. Das Unternehmen begleitet mittelständische Betriebe und internationale Großkunden dabei, Prozesse effizienter zu gestalten, Daten intelligent zu nutzen und digitale Geschäftsmodelle zu entwickeln. Technologie ist der strategische Hebel, um die Wertschöpfung zu steigern, sich nachhaltig zu entwickeln und einen praktischen Nutzen zu erzielen. DInO begleitete den Softwareentwickler bei der Identifikation möglicher Förderinstrumente. Gemeinsam wurden passende Programme analysiert, Förderkriterien bewertet, Antragswege vorbereitet und entsprechende Kontakte geknüpft. Die Förderung der Innovationsvorhaben bedeutete für Synnotech die langfristige Stärkung der eigenen Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit.

„Die Analyse von Daten und Unternehmensprozessen identifiziert versteckte Potenziale. Nutzt man dies gezielt und merzt Ineffizienzen aus, ist das echter Mehrwert.“ — Johann Mooslechner, Betriebsleitung

Effizienzschub durch KI in der additiven Fertigung

Die FIT AG, ein Spezialist für additive Fertigung aus Lupburg (Lkr. Neumarkt), muss als Pionier im industriellen 3DDruck, mit Fokus auf Metallteile für Branchen wie Luft- und Raumfahrt, Automobilindustrie und Medizintechnik, höchste Präzisionsstandards einhalten. Mit dem Ziel, die Produktionseffizienz und die Qualitätssicherung zu verbessern, fand der Hersteller über Baio-sphere zur TH Ingolstadt. Unterstützt durch das Programm KI-Transfer-Plus entwickelte FIT ein KI-System zur automatisierten Qualitätskontrolle seiner Metallbauteile. FIT erfasste Produktionsdaten systematisch, baute eine umfangreiche Bilddatenbank von Bauteilen auf und konnte mittels Computer Vision und Machine-Learning-Algorithmen ein System trainieren, das automatisch Oberflächendefekte erkennt. Nach 18 Monaten Entwicklungszeit wurde das System erfolgreich für den Produktionsprozess validiert. Die KI-gestützte Qualitätskontrolle kann manuelle Prüfzeiten auf ein Viertel reduzieren und zugleich Fehler verlässlicher erkennen – wichtige Faktoren zur Verbesserung der Kosteneffizienz und zur Stärkung der Marktposition des Unternehmens.

Forschung trifft Logistik

Das Logistikunternehmen Weinhut aus Neutraubling bei Regensburg ist im Bereich Kurier-, Express- und Paketdienste (KEP) sowie in der zeitkritischen Belieferung von Werkstätten und Gewerbekunden tätig. Eine eigene Kfz-Werkstatt optimiert das Fuhrparkmanagement, sorgt für Effizienz, Verfügbarkeit und Sicherheit der Flotte. Über DInO bringt Weinhut als Praxispartner für die Forschung reale Anwendungsfälle aus der Logistik der „letzten Meile“ ein. Telematik-, Prozess- und Tourdaten dienen dem Institut Future Technologies der TH Deggendorf als Pilotumgebung mit direktem Feedback. Das Unternehmen und die Wissenschaftler analysieren praxisnah die Einsatzmöglichkeiten von Hochleistungsrechnen (HPC) und KI für den realen Betrieb, werten Optimierungspotenziale aus, entwickeln einen Prototyp für Auswertungen und identifizieren Daten-Schnittstellen für externe Planungs- und Optimierungstools. Ohne eigene Entwicklungsabteilung kann Weinhut nun seinen Datenschatz systematisch nutzen, hat technische Grundlagen erlernt und besser verstanden, welche Kennzahlen und Daten sich für die Planung eignen. Fahr- und Standzeiten sowie Tourverläufe wurden besser verstanden. Die Fahrer profitieren von klareren Strukturen in der Einsatzplanung und weniger Überlast, die Kunden von effizienteren Lieferketten. So wurden etwa statt manueller Auswertungen mit Excel automatisierbare, reproduzierbare Auswertungen eingeführt. Ein skalierbares technisches Fundament und die Infrastruktur wurden geschafften, um bestehende Telematikdaten mit Datenpipelines und Analysen gezielt zur Optimierung von Touren einzusetzen und Wartungen zu planen. Das Unternehmen kann sich als wertvoller Gesprächspartner für seine Auftraggeber positionieren. Von den wissenschaftlichen Erkenntnissen profitiert zudem die Branche allgemein.

„Besonders wertvoll war für uns, dass die TH Deggendorf nicht nur Theorie vermittelt, sondern mit uns ganz konkret in unsere Daten und Prozesse gegangen ist.“ — Thomas Rothmann, Prokurist

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